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Blog vom 18.06.2012 - über den Zufall

Es ist EM. Ein Grieche, den Namen habe ich nicht mitbekommen, schießt aus 18 m mit einem Gewaltschuß aufs Tor und trifft genau den Winkel zwischen Latte und Pfosten. Zwei Zentimeter weiter unten und weiter links wäre der Ball ins Tor gegangen. Nun haben die Griechen Russland sowieso sensationell aus dem Turnier geworfen, aber theoretisch hätte dieser Schuß entscheiden können zwischen Ausscheiden und Weiterkommen mit all den nationalen Befindlich- und Überschwänglichheiten.

"So ein Pech" denken wir oder auf der anderen Seite "Was für ein Glück!". Pech und Glück deuten auf etwas hin, dem wir andauernd begegnen: dem Zufall. Aber ist es nun Zufall, daß der Spieler nur den Winkel getroffen hat oder ist es etwas anderes? Sie werden gleich merken, daß wir diese Frage nicht beantworten können. Niemand kann das.

Es sind ja noch mehr Gegebenheiten, die uns zum Nachdenken bringen: Hätte Poulsen vom dänischen Team kurz vor Schluß ein paar Zentimeter weiter rechts getroffen, wäre Deutschland aus dem Turnier jämmerlich ausgeschieden. Es gibt noch viele ähnliche Beispiele. Fest steht aber, daß es nicht viel Spannenderes im Fernsehen gibt, als die live-Übertragung eines Fußballspiels - egal, ob man Fußball mag oder nicht. Woran liegt das? Zum einen, ist es nicht nur nicht bekannt, wie es ausgeht, sondern völlig ungewiß. Kein Hollywood-Autor hat eine Dramaturgie vorgegeben (hoffentlich). Ins beinahe Unerträgliche verstärkt wird die Spannung, wenn die Situation so ist, daß ein klitzekleiner "Zufall" über Dabeisein oder das Aus entscheidet und dieser Zustand auch noch 30 Minuten anhält. Das macht den Reiz eines solchen Turniers aus. Resultiert dann auch noch ein Sieg nach dem nervenzerreißenden Bangen, ist die Freude entsprechend ins Orgastische gesteigert.

Eines lernen wir unmittelbar daraus: Die Ungewißheit des Zufalls sorgt für eine riesige Spannweite der Emotion, vom völlig Niedergeschlagenen bis zur überschäumenden Begeisterung. Wären die Ergebnisse vorher bekannt (wie bei einer Wiederholung des Spiels auf Eurosport), könnte sich nur der Fachmann ein wenig delektieren. Emotion ist dann keine dabei.

Was hat das mit unserem eigentlichen Thema, dem Gehirn zu tun? Mehr als Sie vielleicht spontan denken. Unser Wahrnehmungsapparat mag den Zufall nicht. Warum das so ist, ist sehr einleuchtend. Die Evolution hat das Gehirn so entstehen lassen, daß es alle Eindrücke sammelt und sie entweder als unwichtig verfallen läßt, oder zu einer Erfahrung hinzufügt, um in Zukunft bessere "Prognosen" zu stellen. Das geschieht unbewußt, aber höchst intelligent. Der Zufall hindert es, zuverlässige Vorhersagen und Handlungen zu bestimmen, die vielleicht überlebenswichtig sind. Deswegen neigen wir auch im bewußten Denkapparat dazu, den Zufall nicht zu akzeptieren, sondern eher als eine eigene Voraussageschwäche zu sehen, die es zu verbessern gilt. Wenn gar keine Erklärung möglich ist, schieben wir die Ursache auf eine höhere Instanz, die uns leitet oder uns Böses zufügen will.

Aber an den reinen, schlichten Zufall können wir aufgrund unserer Denkstruktur nicht glauben. Er paßt einfach nicht ins Schema. "Gott würfelt nicht", sagte ein überragender Denker names Einstein. Und meinte damit, daß Geschehnisse nicht unbestimmt seien, sonderen lediglich für uns nicht berechenbar. Ob er Recht hatte, ist bis heute unentschieden. Er selbst war sich später auch nicht mehr sicher. Nehmen wir unseren Fußballer: Wenn die Entfernung zum Tor genau bekannt ist, genauso wie der Auftreffpunkt und -winkel des Fußes und seine Auftreffgeschwindigkeit sowie die Paramter des Balls (Tango heißt er!) und seine Auflage auf dem Rasen, dann dürfte dem Tor nichts mehr im Wege stehen, wenn der Spieler nur präzise schießt. Daß das Unsinn ist, wird jedem sofort klar sein. So genau kann kein Fußballer schießen. Aber die Physiker denken weiter: Man nehme statt des Fußballers eine Maschine, die den Schuß genau reproduzierbar wiederholen kann. Jetzt müßte der Ball immer genau an der gleichen Stelle einschlagen. Tut er aber nicht! Woher kommt das?

Das hat mit Zahlen zu tun. Nehmen wir den einfachsten Parameter: Den Abstand des Balles zum Tor: Er ist 18 Meter. Soweit ok, aber es muß genauer sein, sonst ist die Flugbahn nicht genau vorhersagbar. Also 18,1023456 +- 0,000009 m. Reicht auch nicht für eine wirklich genaue Vorhersage. Und das ist der Punkt: Es gibt immer einen Meßfehler, auch wenn er noch so klein ist. Und dieser Fehler führt zu einem ungenauen Ergebnis. Das läßt sich auch prinzipiell nicht verbessern: Eine exakte Messung ist grundsätzlich nicht möglich. Das zeigte uns die Physik des ganz Kleinen, die Atomphysik, aber irgendwie auch der einfache Verstand. Irgendwann ist 18,00000...000000001 und 18,0000000....0000002 nicht mehr unterscheidbar. Daher vermutet man heute: Es gibt ihn, den echten Zufall.

Wir können sogar ganz gut damit umgehen, denn wir wissen einiges über ihn: Wenn Sie würfeln, kann man nie vorhersagen, welche Zahl kommt. Aber was wir ganz genau wissen ist, daß bei vielen Würfen, alle Zahlen gleich oft vorkommmen. Das Ergebnis wird mit der Zahl der Würfe immer genauer. Wenn Sie ein wenig nachdenken, beschleicht Sie das Gefühl, daß das eigentlich sehr merkwürdig ist. Und Sie haben damit Recht. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis schlaue Köpfe mehr Licht in dieser Dunkel bringen, denn unser Gehirn steht dagegen: Es mag ihn nicht, den Zufall.

Trainieren Sie also Ihr Gehirn ständig, auch um Ihren Erfahrungsmechanismus zu verbesseren. Aber akzeptieren Sie den Zufall. Es gibt ihn und er eröffnet neue Chancen, wenn man aufmerksam ist und sie erkennt. Und er läßt sie entspannter werden gegenüber den Dingen des Lebens. Es wäre grenzenlos öde ohne die Emotionen, die der Zufall hervorrufen kann.

copyright Friedrich Haugg


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